Gründerstandort Baden-Württemberg: wie steht es um Startups und Kapital im Ländle?
Gründerstandort Baden-Württemberg: wie steht es um Startups und Kapital im Ländle?

Rückblick: Steinbeis Finanzierungsarena 2016 – weitere Infos und ein Video von der Veranstaltung ist hier zu finden.

Heute möchten wir uns zur Abwechslung mit einem Thema befassen, das nicht unmittelbar etwas mit unserem Produkt zu tun hat, aber nicht weniger interessant ist. Wir möchten uns mit dem Standort Baden-Württemberg als Gründerstandort auseinandersetzen. Insbesondere im Vergleich zu Berlin scheint Stuttgart hier eine eher zweitrangige Position einzunehmen – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Aber ist das wirklich so? Hierzu durfte Eleftherios Hatziioannou, Mitgründer und geschäftsführender Gesellschafter der smoope GmbH im Rahmen der Steinbeis Finanzierungsarena 2016 mit namhaften Vertretern diskutieren. Wir wagen einen Rückblick und greifen einige Aspekte aus der Debatte in diesem Beitrag auf.

Auch die Großen haben klein angefangen.

Denkt man über den Standort Baden-Württemberg nach, fallen einem natürlich Namen wie Daimler, Porsche und Bosch ein. Es steht völlig außer Frage, dass die Region von Pioniergeist und unternehmerischem Handeln geprägt ist. Global Player wie die genannten wären schlichtweg sonst nicht hier. Aber auch diese heute gigantischen Konzerne haben mal klein angefangen als mutige Visionäre Ihre Ideen angepackt haben. Vielleicht bezeichnete man sie früher anders, aber auch sie waren im Prinzip Startups. Auch wenn hierzulande kein großes Tamtam gemacht wird, wurden in jüngster Vergangenheit still und heimlich noch mehr Erfolgsstories geschrieben, die über die genannten Konzerne hinaus gehen. Unternehmer haben Ihre Ideen bis zum erfolgreichen Exit gebracht: TeamViewer, Regiohelden, HockeyApp, Simpleshow oder Edelight gehören zu den großen Exits der letzten Jahre. Ein Beweis dafür, dass sich was tut im Ländle.

Geld allein ist nicht Alles. Voneinander lernen.

Eine der herausragenden Stärken der Region sind die hier ansässigen Global Player und Hidden Champions. Viele dieser etablierten Unternehmen stellen potentielle Partner für junge Unternehmen dar. Startups können von den Erfahrungen der Großen und deren Fähigkeit, Geschäftsmodelle zu internationationalisieren, profitieren. Im Gegenzug ziehen große Unternehmen ihren Vorteil aus dem Ideenreichtum der Jungen. Diese sind weitaus wendiger und gleichzeitig spezialisierter, wenn es darum geht neue Geschäftsmodelle im Markt zu validieren und zu platzieren – frei vom Korsett organisatorischer Strukturen.

Kollaborationen zwischen Startups und etablierten Unternehmen bieten viele Chancen und müssen nicht zwangsläufig auf finanzieller Ebene stattfinden – oftmals bringen sog. Pilotprojekte sogar viel mehr: Junge Gründer können von gewachsenen Strukturen lernen und Ihr Geschäft professionalisieren. Frühzeitige Partnerschaften können zudem dazu führen, dass das jeweilige Produkt noch stärker auf die Bedürfnisse der Partner/ Kunden ausgerichtet werden kann. Im Sinne des Customer Development wird ein Produkt nicht am Markt vorbei entwickelt, sondern gemeinsam mit (potentiellen) Kunden erarbeitet.

Deshalb ist es umso erfreulicher, dass das eine oder andere große Unternehmen in den letzten Jahren bereits damit begonnen hat, eigene Innovationsbereiche zu etablieren und auch Venture Capital für interne und externe Innovationen zur Verfügung zu stellen. Neben Entrepreneurship hört man neuerdings auch von Intrapreneurship – also unternehmersichen Tätigkeiten, die in den Unternehmen selbst geboren und gefördert werden. Mitarbeiter können sich Ihren Ideen widmen, erhalten finanzielle Unterstützung und Freiräume, ihr eigenes firmeninternes Startup anzupacken.

Die Startup-Kultur im “Neckar Valley”.

Die Berliner Startup Szene entwickelt sich seit Jahren prächtig und ist über die Landesgrenzen hinweg bekannt: Berlin das Startup-Mekka Europas, so heisst es oft. Eine echte Gründermetropole, die alles bietet, was das Gründerherz begehrt, und immer mehr junge Talente aus der ganzen Welt anzieht. Aber auch Stuttgart hat sich gemausert und es entwickelt sich langsam, aber sicher eine kleine, aber feine Startup-Kultur. Waren Startups, Venture Capital und Business Angels vor einigen Jahren noch Fremdwörter, können heute viele Menschen etwas mit diesen Begriffen anfangen und man findet heute immer mehr Anlaufstellen als Gründer – zumindest, wenn man sich damit befasst.

Als erste Anlaufstelle dienen Stellen, wie beispielsweise BW Connected (bwcon) – eine Wirtschaftsinitiative, die die Hightechindustrie in vielerlei Hinsicht fördert. In frühen Entwicklungsphasen eines Startups unterstützt sie bei dem Management neuer Ideen und der Wissensübertragung in die Unternehmen, bis hin zur Skalierung des Geschäftsmodells. Auch die smoope GmbH hat sich im Rahmen der Firmengründung dort beraten lassen und Feedback zur Geschäftsidee und dem Business Plan eingegeholt. Die IHK und Ihre Bezirkskammern bieten zusätzliche Möglichkeiten, z.B. in Form von Gründer-Coachings und anderen Zuschüssen für Existenzgründer sowie regelmäßigen Informationsveranstaltungen.

Andere Events wie z.B. das Gründergrillen, der Startup Lunch oder der Verein Startup Stuttgart bieten praxisnahe Möglichkeiten, um Networking zu betreiben und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Junge Unternehmer treffen sich in ungezwungener Atmosphäre, tauschen Ideen und Erfahrungen aus. Man berät sich gegenseitig und findet neue Wege und Inspiration, um das eigene Business weiter zu entwickeln. Auch neue Teams formieren sich auf diesem Weg.

Accelerate Stuttgart sowie der Startup Campus Stuttgart verfolgen weiterführende Ansätze. Ins Leben gerufen wurden diese Organisationen von Akteuren der lokalen Startup Szene, die entweder schon selbst erfolgreich gegründet haben oder seit Jahren daran arbeiten, die Startup-Szene in Stuttgart in die Köpfe und auf die lokale Agenda zu bringen.

Der Startup Campus fungiert als Impulsgeber für neue Geschäftsideen und zukunftsorientierte Maßnahmen zur Förderung der Gesamtentwicklung. Außerhalb zahlreicher Events und Meetups, finden sich Startups hier auch zum Co-Working zusammen. Accelerate Stuttgart ist eine Initiative, die darauf abzielt, die Entwicklung junger Unternehmen in den frühen Phasen zu beschleunigen. Neben der Vorbereitung von Markteintritten für junge Unternehmen, beschäftigt sich das Accelerate Stuttgart Team auch mit dem Scouting neuer Startups im Auftrag etablierter Unternehmen. Junge Unternehmer profitieren zudem von Business Angels und Investoren, die ihre Erfahrungen in die genannten Organisationen einbringen.

Die Herausforderungen

Trotzdem sind die zahlreichen und guten Initiativen und Stellen wenig bekannt und kaum bis gar nicht miteinander vernetzt. Ziel sollte es sein, das regionale Angebot noch stärker zu vernetzen und miteinander zu arbeiten, anstatt dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Das würde der gesamten Region gut tun und das Neckar Valley nach vorne bringen. In einer wirtschaftlich starken Region mit wenig Arbeitslosen und vielen gut bezahlten Jobs ist die Gründung eines Unternehmens eine eher unattraktive Alternative zum Angestellten-Dasein. Das spiegelt sich auch in den rückläufigen Zahlen von Gründungen in der Region wider. Umso wichtiger, dass die Gründerszene zusammenhält und gefördert wird, damit weiterhin Ideen angepackt werden und Neues entstehen kann. Die gemeinsame Arbeit sorgt zudem für mehr Verständnis in Politik, Behörden, Ämtern und anderen Einrichtungen, in denen oftmals grundlegende Entscheidung im Zusammenhang mit dem Gründerstandort getroffen werden. Gemeinsam können die Akteure Startups und Ihre Bedürfnisse auf die Agenda der Entscheider bringen. Es braucht wie in allen anderen Themen auch hier eine Lobby, damit sich was tut. Sicherlich kann dies auch durch die regionale Arbeit von Bundesverbänden, wie z.B. dem Bundesverband Deutscher Startups unterstützt werden. Der neu gegründete Ausschuss Startup & Young Business der IHK Stuttgart könnte sicherlich weitere Impulse an den richtigen Stellen setzen.

Ich habe eine Idee – woher bekomme ich jetzt das Kapital dafür?

Diese Frage sorgt nicht nur für viele schlaflose Nächte bei Gründern, sondern wurde auch in der Steinbeis Finanzierungsarena kontrovers diskutiert. Es gibt durchaus kreative und vielfältige Möglichkeiten, um an Geld zu kommen. Von Familie und Freunden, über das eigene Ersparte oder ein Gründerstipendium, wie z.B. Exist, bieten sich verschiedene Alternativen.

Eine weitere scheinbar naheliegende Option ist die Finanzierung über die eigene Bank. Einen Kredit für seine Startup-Idee zu bekommen, erfordert jedoch eine gute Planung (Business Plan), Sicherheiten und ist daher meist vorallem für junge Gründer schwer realisierbar.  Die Hausbank ist der Meinung vieler Experten nach nur bedingt die richtige Anlaufstelle. Denn es handelt sich um Risiko-Kapital, was nicht so gut mit dem Geschäftsmodell der meisten Banken in Einklang zu bringen ist. Wer in Startups investiert, muss auch mit Totalausfällen rechnen. Dennoch einen Versuch ist es jedenfalls immer wert, denn Gründer bekommen in jedem Gespräch Feedback zu Ihrer Geschäftsidee und Ihrem Business Plan. Letztlich haben gute Ideen und solide Planungen durchaus Chancen, finanziert zu werden. Gewinnt man einen großen Kunden oder Geschäftspartner für sich, steht man sicherlich besser da und die Chancen steigen weiter. Deshalb sollte der Fokus genau darauf liegen: sein Baby voran zu treiben und nicht zu warten bis es andere richten. Macher sind gefragt, die nicht nur eine Idee haben, sondern diese mit aller Kraft, schnell und bestimmt umsetzen.

Neben Venture Capital von institutionellen Investoren, staatlichen Fördermitteln stehen auch sog. Business Angels oder Inkubator-Programme zur Auswahl. Business Angels sind oft Unternehmer, die durch den Erfolg und/oder Verkauf des eigenen Unternehmens über hohes Eigenkapital und zudem über ausgezeichnetes Know-How und große Netzwerke verfügen. Davon können Startups stark profitieren. Im Raum Stuttgart finden sich beispielsweise die Business Angels Region Stuttgart – kurz BARS. Staatliche Förderung hingegen erfolgt oft über Hausbanken, die zumeist von der KfW finanziert werden.

Als eine Art Mischform ist der High-Tech Gründerfonds zu nennen, der eine öffentlich-private Partnerschaft aus Bund und KfW (87% Beteiligung) und 18 angeschlossenen deutschen Wirtschaftsunternehmen (13% Beteiligung) darstellt. Der Fonds investiert Risikokapital in Frühpasen-Technologie-Unternehmen. So auch im Falle der smoope GmbH. Im August 2014 beteiligte sich der HTGF im Rahmen eines Seed-Investments.

Und wie sieht’s ganz konkret im Ländle aus?

Auch spezielle Angebote aus Baden-Württemberg stehen zur Verfügung. Das Land Baden-Württemberg erteilt seit 2008 so genannte “Innovationsgutscheine” an kleine- und mittelständische Unternehmen. Unter bestimmten Voraussetzungen  und bei einer Ortsansässigkeit in BW erhält man – je nach Industrie und Absicht der Investition (Forschung, Entwicklung, Prototypbau usw.) einen bestimmte Förderung.  Startups erhalten u.A. einen Zuschuss, müssen jedoch erstmal die vollen Kosten selbst tragen, bevor Ihnen 50% rückerstattet werden. Um 20.000 Euro zu erhalten, müssen also erstmal 40.000 Euro ausgegeben werden.

Für etwas fortgeschrittenere Startups bieteen die L-Bank und Bürgschaftsbank Möglichkeiten.

Das Ziel: möglichst schnell kein Startup mehr sein.

So cool der Startup-Begriff auch klingt, ein Unternehmen – egal ob jung oder alt –  sollte immer danach streben gewinnbringend zu agieren und profitabel zu werden. Mit dieser Haltung steigen auch die Chancen, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln und die Grundlage für weiteres Wachstum zu schaffen. Vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, dass Gründer anfangs zu kämpfen haben. Not macht bekanntlich erfinderisch und nicht selten passiert es genau dann, dass Unternehmer aufgrund von Widerständen und Engpässen besonders kreativ und äusserst produktiv werden. Ein Diamant entsteht bekanntlich unter Druck.

Anders als z.B. in den USA ist es hierzulande wohl nahezu unmöglich, eine neue Idee über Jahre hinweg fremd zu finanzieren, ohne dass substantielle Umsätze generiert werden. Hierzulande muss es relativ schnell darum gehen, in die schwarzen Zahlen zu kommen. Das ist solide und schwäbisch gedacht, bedeutet aber auch, dass es niemals ein Amazon, Facebook und Co made in Germany geben könnte. Verluste wurden in diesen Fällen über Jahre hinweg in Kauf genommen, um schnell zu wachsen, Marktanteile zu gewinnen und eine starke Marktdurchdringung und -dominanz zu erreichen. Erst später ging es um Monetarisierung. Ein vergleichbares Beispiel aus Deutschland wäre vermutlich Zalando.

Beweist man hingegen schon früh, dass ein Startup in der Lage ist, gut zu wirtschaften, Umsätze einzufahren und Gewinne abzuwerfen, öffnen sich auch die Türen und Geldbörsen der Schwaben. Zwei grundlegend unterschiedliche Herangehensweisen, aber durchaus valide Wege, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Es muss ja nicht immer die Weltmarktführerschaft sein, oder? 😉

Fazit: Das Neckar Valley wächst und gedeiht und viele Grundlagen sind geschaffen. Das bestehende Angebot muss sicherlich noch präsenter gemacht werden und die unterschiedlichen Initiativen sollten stärker zusammenwachsen. Die Region bringt aber viel mit für das neue “Wirtschaftswunder” made im Ländle: Es gibt bereits etablierte Unternehmen, die als Katalysator fungieren können, erfolgreiche Unternehmer stehen zur Verfügung um als Mentoren und Business Angels zu unterstützen, Kapital gibt es zu genüge – egal für welchen Weg man sich letzlich entscheidet. Es gibt auch immer mehr Anlaufstellen und “Töpfe”, die bereit stehen, um Gründern Starthilfe zu geben und Innovationen zu fördern. Letztlich liegt die Verantwortung jedoch immer beim Unternehmer selbst, der seine Macher-Fähigkeiten unter Beweis stellen muss. Es ist seine Aufgabe, eine Lösung für jedes Problem zu finden und Hindernisse zu bewältigen. Unternehmertum bedeutet am Ende des Tages ja genau das. Genug geschwätzt – packen wir’s an!

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